•VERLIEBTsein• Dieses Gespräch ist ein Wiederholungstäter. Ein alter Bekannter. Ein oft gelesenes Drehbuch. Ich kenne den Text, von beiden Rollen und von Anfang bis Ende. Von „Wo wohnt er noch mal?“ (sich langsam erinnernd, stirnrunzelnd) über „Aber das ist doch bestimmt nicht leicht, oder?“ (skeptisch) bis zu „Also, ich könnte das ja nicht!“ (bestimmt, oft mit vor der Brust verschränkten Armen). Ich kenne jedes deiner Argumente. Nur wozu überhaupt argumentieren? Ja, ich führe eine Fernbeziehung. Und da hört es für mich auf. Für dich leider nicht. Du zählst mir an dieser Stelle sämtliche Nachteile einer solchen Liebschaft auf und kannst dir alles Mögliche vorstellen – nur nicht, dass ich die vielleicht schon kenne. Ganz im Ernst, ich weiß es selbst: Fernbeziehungen sind Müll.
Wir können uns nicht sehen, wann wir wollen. Wir können uns manchmal noch nicht mal sehen, wenn wir es müssen. Eine Umarmung fehlt? Trost wird dringend gebraucht? Tja, Pech gehabt. Wir können nichts tun als abwarten. Vielleicht noch die Tage bis zum Wiedersehen zählen, aber das kann im Zweifelsfall auch deprimieren. Das Telefon wird zu einem guten Freund, andere Familienmitglieder zunehmend genervter. Ersatz ist das auch nicht wirklich. Telefonate verhalten sich zu Gesprächen mit Blickkontakt nun mal wie Instantkaffee zu der Bohnenvariante.
Du musst mich auch nicht daran erinnern, wie viel Geld die Bahn von mir bekommt. Definitiv zuviel. (Schönen Gruß hier an die Bahnmitarbeiterin aus Forst, die mir auch auf Nachfragen nicht einfach sagen konnte, dass mein Zug zehn Minuten früher fährt als sonst. Beim nächsten Mal würde ich es gern wissen, bevor ich am Gleis ankomme.) Und frag jetzt bitte nicht noch, wie lange die Fahrten dauern und wie viel Zeit ich damit verbringe, auf irgendwelchen Bahnhöfen herum zu sitzen und (mal wieder) zu warten. Für ein Wochenende. Freitags hin, sonntags zurück. Du hast Recht, es lohnt sich nicht.

Dazu noch die Sätze, die man in einer Fernbeziehung oft hört:
•Ich wäre gern dabei gewesen.
•Ich vermisse dich./ Du fehlst mir.
•Wann kannst du herkommen?

Und die, die man nie hört:
•Kein Problem, ich komm gleich vorbei.
•Samstagabend hab ich keine Zeit, aber du kannst ja am Sonntag herkommen.
•Ich finde, wir sollten mal wieder was getrennt machen.

Ich weiß das alles und habe mich trotzdem noch nicht ergeben. „Ist ja Wahnsinn. Echt, voll heftig.“ (Weit aufgerissene Augen, gelegentliches Kopfschütteln)
Sicher geht es bequemer. Was du dabei vergisst: Ich habe mir das nicht ausgesucht. Dafür entschieden, ja, aber nicht ausgesucht. Ich hätte auch lieber die Möglichkeit, Sätze aus Kategorie Zwei zu verwenden. Hab ich aber nicht. „Und wie machst du das?“, fragst du. Na ja, da ist nicht viel zu machen. Das ist einfach so. Du willst den Jungen, der zwei Straßen weiter wohnt und jeden Morgen an dir vorbeifährt, und ich den, der 500 Kilometer von hier entfernt zuhause ist. Kannst du etwas dagegen machen? Siehst du, ich auch nicht. Also können wir dieses Gespräch ja endlich einbuchten.

Mit einer Gitarre in der Hand kann das Ganze so klingen (vielleicht lieber nur das Lied anhören und auf das Video verzichten):

Teitur – I was just thinking



4 Responses to “Wo die Liebe hinfällt”  

  1. Nervt es Dich wirklich so sehr, wenn Du dieses Gespräch wiederholen mußt oder nervt Dich vielmehr die Tatsache, dass die Liebe in der Tat manchmal etwas weit weg fällt? Ich muß mich entschuldigen, aber meine ersten Reaktionen auf die Kenntnisnahme einer angehenden Fernbeziehung in meinem Bekanntenkreis besteht zuerst auch aus den von Dir zitierten Aussagen. Damit will ich aber natürlich mein Gegenüber nicht nerven – es verschafft mir aber meist kurz Zeit, darüber nachzudenken.

    Solange diese Platitüden nicht das Ende des Dialoges sind, sondern am Ende vielleicht ein Lächeln oder eine Umarmung oder einfach ein verständnisvoller Blick steht, dann ist doch vieles auch wieder gerettet.

    Ich drücke die Daumen , dass es zu mehr Dialog und zu weniger abgedroschenem Statement kommt. :-) Bleib tapfer und behalte die Nerven! :-)

  2. 2 Ela

    Wahrscheinlich sollte man an dieser Stelle motivierende Worte hinterlassen, aber da kommt mir gerade nichts in den Sinn… :( Außer, dass die Vorteile sich zeigen, wenn das gute Glück mal vorbei ist (hoffen wir’s nicht). Das sagt dir jemand, der sich in der Nachbarschaft und auf Arbeit austobt und sich dann wundert, warum das mit dem „loslassen“ so schwierig ist. ;)

  3. 3 kiwikuenstler

    Mich nervt beides. Irgendwann hab ich einfach die Lust daran verloren immer die gleichen Sachen zu sagen, in dem Gefühl mich für diese Beziehung rechtfertigen zu müssen. Ist natürlich Quatsch, ich weiß, dass das nicht die Absicht meiner Gesprächspartner ist. Es nervt trotzdem.
    Weniger abgedroschene Reaktionen sind toll und hat es auch schon gegeben. „Das hat ja auch Vorteile. Du wirst wenigstens immer als Single wahrgenommen.“ Äh, ja. ;)

    Ich will gar nicht loslassen. Höchstens die negativen Gedanken, ihn aber auf keinen Fall. :)


  1. 1 jugendmedien.de » UPDATE: Jugendmagazine durchgeschaut - September 2007

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